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AutorIn: Brühl, Carl Bernhard (Vortragender)
Titel: Universität und Volksbildung, Priesterthum und Naturwissenschaft; zwei zusammenhängende Betrachtungen
Jahr: 1868
Quelle: Prof. Dr. Brühl’s Erste unentgeltliche Sonntagsvorlesung im Jahre 1868, gehalten im k. k. zootomischen Institute der Wiener Universität am 19. Jänner. Wien 1868, S. 1-29.

[S. 1] Geehrte Herren und Frauen!

Ein sehr altes deutsches Sprichwort lautet: „Wessen das Herz voll ist, geht der Mund über.“ Dazu sollte es nur noch heissen: „wenn es eben nur möglich ist, dass er übergeht,“ was bekanntlich nicht immer und überall der Fall ist und war, besonders bei uns zu Lande.

Nun sind für meinen heutigen Zweck, für dieses Einleitungswort, das ich zu Ihnen reden will, zum Glücke beide Vorbedingungen da: mein Herz ist einiger sehr drängenden Gedanken voll, und mein Mund – darf übergehen; dahin hat eine gütige Vorsehung und als ihr erhabenes Werkzeug, ein einsichtsvoller Monarch, unsere Geschicke in Oesterreich in der letzten Zeit gewendet. Die volle Bedeutung dieser Wendung für unser heutiges Thema werde ich sogleich näher beleuchten, und will nur hier gestehen, dass sie, diese Wendung, vorzugsweise mich angeregt hat, den heutigen, den fünften, Cyklus der Sonntagsvorlesungen (der erste fand im Jahre 1864 Statt), statt sogleich mit dem für ihn gewählten Thema, – das Herz und was es leistet, – mit einigen anderen Betrachtungen zu beginnen, die übrigens auch nicht wenig mit dem Herzen zu thun haben; nur nicht mit jenem von Leichen, sondern mit jenem von Lebendigen, mit dem Herzen unseres, des österreichischen Volkes oder – der österreichischen Völker, wie ich nun vielleicht ex officio sagen sollte.

[S. 2] Vergönnen Sie mir daher zunächst bei der erwähnten Wendung unserer Staatsbürger-Geschichte ein wenig zu verweilen. Die Stimmung, in welche uns deren Betrachtung zu versetzen vermag, passt am allerbesten zum Verfolgen der Gedanken, die ich heute vor Sie bringen will, und zur Kräftigung des Entschlusses für Sie und mich, die Konsequenzen dieser Gedanken, – alle, zu ziehen, und nach ihnen zu handeln, mit der grössten Energie und Ausdauer.

Diese Wendung, die Oesterreichs Bürgern am Schlusse des alten Jahres beschieden wurde, darf ich vielleicht mit jenen Worten schildern, die ich selbst in einem „eine Neujahrsbetrachtung“ betitelten Aufatze in einer hiesigen medizinischen Zeitschrift, der „medizinischen Wochenschrift,“ für denselben Gegenstand gebraucht habe.

Ich sagte dort wörtlich: „Wenn es herkömmliche Sitte ist, dass ein Redner am Grabe eines Jahres ein Janusgesicht aufsetzen darf, dessen einer Mund mit frommer Weihe nachredet, dessen anderer mit Verständniss zu prophezeien versucht, so kann dieses Doppelantlitz heute bei uns auf beiden Seiten ein lachendes sein. Wahrlich eine seltene Erscheinung, zumal in Oesterreich, und wir sagen mit schmerzlichem Behagen, diese Freude ist uns heuer zum ersten Male, seit wir denken, gegönnt.“

„Ein neuer Tag ist bei uns in Oesterreich angebrochen; seine Morgenröthe umschimmerte noch die letzten Schollen des sich eben schliessenden Leichenhügels des Jahres 1867. Dass aus diesem Morgen ein heller, warmer, leuchtender Mittag werde, welcher die Früchte menschlicher Entwicklung und wissenschaftlichen Fortschrittes zur kräftigen Reife bringe, ist vor Allem unser inbrünstiger Wunsch am heutigen Tage. Unser engeres Vaterland ist durch die ihm bescherte Verfassung eben neugeboren worden, unter schweren Wehen und mit oft verzögerter Entwicklung. Allein, der endlich den Lenden eines glücklichen Staatsmannes entwundene Säugling, Jung-Oesterreich, ist ein kräftiger Organismus, hat eine lebensfähige Konstitution, treffliche Anlagen, und verspricht ein rechter Mann zu werden, wenn – wir ihn dazu erziehen. Jeder in seinem Kreise, Jeder nach seiner Fähigkeit, Jeder nach seinem Berufe, kann und muss zu dieser Erziehung beitragen.“

Nun, meine geehrten Herren und Frauen, jene Morgenröthe und jener Mittag, die ich im erwähnten Aufsatze zunächst nur für die Naturwissenschaften und deren Träger in Oesterreich im Augen hatte, – nach dem Zwecke des Blattes, das jenen Aufsatz brachte, – diese Morgenröthe und dieser Mittag, sie kommen auch allen andern Staatsbürgern Oesterreichs zu Gute und dazu in noch weit ausgiebigerer Weise.

Merkwürdig daher genug, dass diese Staatsbürger die Freude über dieses neue kostbare Gut, das kostbarste, welches [S. 3] ihnen die Vorsehung beschieden, seitdem Oesterreichs verschiedene Völker Ein Band, das Flügelpaar des habsburgischen Doppelaars, zu Einem Staate vereint hat, dass sie die Freude hierüber, sage ich, bisher gänzlich – verschwiegen haben.

Nun ist es für mich, der ich eben das so inhalts- als folgenreiche Thema Universität und Volksbildung heute mit Ihnen besprechen will, nicht nur nicht ein abschweifender, sondern ein höchst wesentlicher und passender Vorschritt, die Ursache der, bei ähnlichen Gelegenheiten anderswo noch nicht vorgekommenen, Gleichgültigkeit zu betrachten, mit der selbst Oesterreichs vorgeschrittenste, dessen deutsche Völker, das ihnen am Schlusse des Dezembers 1867 gewordene, an Liberalität und Achtung der Menschenwürde seines Gleichen fast suchende Staatsgesetz hingenommen haben, als wäre dies ein bei uns selbstverständliches oder ein gleichgültiges Gut.

Ich will, zur Erklärung dieser Erscheinung, dem Gedanken nicht Raum geben, wir in Oesterreich seien schon ein so herabgekommenes Volk geworden, dass wir gleich den Sklaven handeln, denen man die ganze Freiheit gibt, aber zum Schein keinen Geldbeutel und kein Feld dazu legt, und die deshalb mit verachtungsvoller Gleichgültigkeit auf ihren Emanzipationsschein blicken. Ich glaube, ein anderer Grund gilt.

Meine geehrten Herren und Frauen, wie ferne auch Ihre tägliche Beschäftigung und Ihr Gedankengang dem sein mag, was man so Politik nennt; den grundfalschen Gedanken darf keiner von uns hegen, und Keiner, der in irgend einer Weise als öffentlicher Lehrer seinen Mitbürgern gegenübersteht, soll ihn in seinen Mitbürgern, welchen Standes und Geschlechtes immer, gross werden lassen, als gehörten die neuen Gesetze, welche die wahre Auferstehung Oesterreichs (eine Resurrectio in aeternum, wollen wir hoffen) bedeuten, zu dem, was gemeinhin als Politik bezeichnet wird. Die krassesten Missverständnisse hierüber kann man aber täglich bei uns vielfach erfahren.

„Mich interessiert die Politik nicht,“ erwiederte mir eine Dame, die ich fragte, was sie zu unserem neuen Grundgesetze sage. „Lassen’s mich mit der Politik aus,“ hörte ich im Kaffeehaus einen behäbigen Hausherrn ausrufen, dem sein Nachbar, kein Hausherr nur ein Innwohner, welchem bei Lesung der neuen Grundgesetze die blasse Wange – blass von täglicher Sorge – vor Freude geröthet und die Augen nass geworden waren, zurief: „Nun, Herr Hausherr, was meinen Sie von diesem Weihnachtsgeschenk für uns Oesterreicher.“ „Lassen Sie mich mit der Politik aus,“ wiederholte jener, und las statt des kaiserlichen Weihnachtsgeschenkes, das lichtreicher strahlte als alle Weihnachtsbäume von Oesterreich seit Jahrzehenden, die Tagesneuigkeiten über die neuesten „Mordthaten“.

[S. 4] Also, meine g. H. und F., jene goldenen Sätze, welche uns und unseren Kindern die Freizügigkeit und das Eigenthumsrecht im ganzen Lande sichern; die uns das heiligste Menschenrecht, die beliebige Wahl der Art, nach der wir Gott anbeten, verbürgen; die uns Wissenschaft und Lehre frei machen; die Haus und Person vor Willkür sicher stellen, und die uns natürliche und unbefangene Richter, unsere Mitbürger verbürgen u. s. w. u. s. w.; also den Inbegriff aller dieser Rechte, das reichste Erbtheil, das wir Menschen von 1868 in Oesterreich unseren Kindern zurücklassen können, verbürgt durch Wort und Unterschrift des Regenten, nannten jene Dame und jener Herr Politik, und sagten von diesen Rechten: „Was geht mich die Politik an.“

Und so wie jener Herr und jene Frau, reden leider Hunderttausende, ja Millionen unserer Mitbürger. Warum reden sie aber so? Aus purer Unwissenheit über Begriffe, die sie wissen sollten, aus Mangel an Verständniss für Dinge, die sie verstehen sollten, aus Mangel an Interesse, für Ereignisse, die sie höchlichst interessiren sollten.

Und aus dieser Unwissenheit, aus diesem Verständniss-Mangel, aus dieser fast entehrenden Gleichgültigkeit gegen die wesentlichsten Besitzthümer des Menschen als Staatsbürger entnahm ich das erste Motiv zu meinem heutigen Thema Universität und Volksbildung.

Denn, um gleich die Einführung des Begriffes Universität hier zu rechtfertigen, nicht die Kinder, sondern nur die Erwachsenen kann und soll man über jene Dinge und Begriffe belehren, deren Kenntnisse eine solche Unwissenheit und Apathie, wie ich sie früher als eine sehr traurige Erscheinung der jüngsten Zeit bei uns erwähnt habe, völlig unmöglich machen. Die Erweckung des geistigen Menschen im ärmsten Staatsbürger, soweit dies nöthig; die Belebung der von Sorge umwölktesten Bruderstirne zur Freude an dem unveräusserlichen Gut, das er nun trotz aller Noth besitzt, und durch das seine Noth vielleicht noch am ehesten gebessert werden kann; – diese Erweckung und Belebung können nicht am Kinde, kaum am Jünglinge, können nur am Erwachsenen vorgenommen werden. Nicht die Volks- und nicht die Mittelschule sind es also, welche eine der nothwendigsten Aufgaben wahrer Volksentwickelung zu lösen vermögen; schon wegen ihres natürlich minderjährigen Publikums.

Die höchsten Lehranstalten im Lande sind es vielmehr ganz allein, die Universitäten, welche unter die nicht mehr zum Schulbesuche verpflichteten, aber deshalb doch noch, wie die Erfahrung zeigt, vielfach und in sehr wesentlichen Dingen, ununterrichteten Erwachsenen jene Kenntnisse und Begriffe zu verbreiten im Stande sind, die allein erst diese Erwachsenen [S. 5] zu wahrhaft mündigen Menschen, zu Bürgern und Bürgerinnen im berechtigten Sinne des Wortes, zu machen vermögen.

 

II.

„In wesentlichen Dingen ununterrichtete Erwachsene,“ höre ich Sie mir hier zurufen, „weil wir die volle Bedeutung unserer neuen Grundgesetze nicht zu würdigen vermögen; welche übertriebene Auffassung dessen, was die Mehrzahl der Menschen zu wissen braucht! Wir sind eben keine Juristen, und darum verstehen wir diese Gesetze nicht.“

Erlauben Sie mir, g. H. u. F., dass ich Ihnen hier entschieden widerspreche und ihre Ansichten berichtige. Nicht der Mangel an sogenannten juridischen Kenntnissen, sondern der Mangel an einer Menge, jedem Menschen unentbehrlicher Begriffe ist es, der hier in Betracht kommt, und der die eigentlichste Ursache der von mir so hervorgehobenen Gleichgültigkeit gegen die neue Wendung der Dinge in Oesterreich ist.

Wer nicht weiss, wozu Allem die jedem Menschen angeborenen Fähigkeiten und Geistesgaben ihn, wahrhaft von Gottes Gnaden her, berechtigen, und welche diese Fähigkeiten sind; wer nicht weiss, in wieviel tausendfache belebenden und beglückenden Strahlen der goldene Satz: „was du nicht willst, dass dir geschehe, das thue einem andern nicht,“ – die sicherste wenn auch etwas eigennützige Basis aller gesunden Moral, – in praktischer Anwendung im Staatsbürgerleben auseinander zu stieben vermag und auseinanderstieben soll; wer nicht darüber belehrt ist, dass der Verstand des Menschen ein unveräusserliches, weil ihm angeborenes, Recht hat, Alles, was den ebenfalls eingeborenen Denkgesetzen widerspricht, als unwahr und nicht massgebend von sich zu weisen, von welcher Seite auch es ihm als wahr und massgebend, als sogenanntes Dogma, aufgedrungen wird; wer nicht weiss, dass die durch die Erfahrung und Studien der Menschen festgestellten Naturgesetze nie, seit Bestehen der Welten aller Art bis auf den heutigen Tag, die allergeringste Ausnahme von ihrem ihnen zugewiesenen und von uns nach und nach erforschten und zu erforschenden Walten gemacht haben und machen können; wer nicht gründlich darüber aufgeklärt worden ist, dass in der Einrichtung unserer irdischen Welt eine völlige Ungleichheit der geschaffenen Wesen, von allem Anfang der Welten an, begründet und beabsichtigt ist, und dass die Anstrebung sogenannter Gleichheit aller Menschen, bezüglich ihres Schicksales und ihrer Wirksamkeit, ein von der Natur aus mit dem nachweisbarsten Veto belegtes Unternehmen ist; wer dies Alles und noch vieles Aehnliche, was ich [S. 6] nur aus Mangel an Zeit nicht aufzähle, nicht weiss, hat eben alle jene Kenntnisse, jenes Wissen nicht, das allein ihn zur Auffassung der Bedeutung dessen befähigt, was sich so eben bei uns in Oesterreich vollzogen hat.

Wir sehen also, dass die Unwissenheit, welche die sog. politische Apathie bei uns in Oesterreich verursacht, eine sehr tief greifende Unwissenheit ist, eine über Dinge, deren Kenntniss jedem Menschen in einer Gesellschaft von Seinesgleichen Noth thut. Und wenn wir nachfragen, wo man denn die Belehrung über diese Dinge holen kann, so liegt es auf der Hand, als oberste und eigentlich einzige Stätte hierfür die Universitäten, und nur sie, zu bezeichnen.

Ich werde später, durch kurze Aufzählung Alles dessen, was meiner Meinung nach von den Universitäten aus unter das erwachsene Volk gebracht werden soll, zu zeigen versuchen, dass weder Volks-, noch Mittel-, weder Kunst-Schulen noch Vereine irgend welcher Art, die zur zeit- und zweckgemässen Bildung aller Staatsbürger nöthigen Kenntnisse lehren können. Jetzt aber will ich Ihnen den zweiten Grund sagen für die Wahl meines Thema’s: Universität und Volksbildung. Er hängt mit meiner zuletzt ausgesprochenen Behauptung zusammen und ergibt sich aus der Gegnerschaft dieser Behauptung.

Man findet nämlich nicht wenige Universitätsprofessoren, zum Theile erbgesessene Akademiker und dergleichen, jedes höheren Aufschwunges unfähige, aber mit Sterilitäten allerlei Art schwer bepackte Individuen, sogenannte Gelehrte vom reinsten Wasser, – Wasser wörtlich genommen, – welche der Meinung sind, dass jede Belehrung des Volkes, sobald es der Schule entwachsen ist, ein eben so überflüssiges als vergebliches Bemühen sei, dass also die Universität mit solchem Unternehmen Nichts zu thun habe. Diese ärgste und verbissenste aller Aristokratien, jene der gelehrten Mufti’s, behauptet mit der grössten Hartnäckigkeit, dass jede Darreichung von Universitätswissen, besonders von dessen Resultaten in zugänglicher Form, an das Volk eine Schwindelei, ein blosses Haschen nach Popularität der Lehrenden, und noch überdies eine ganz vergebliche Mühe sei, „denn das Volk lerne ja doch Nichts.“ Die Individuen dieser Sorte sind daher auch z. B. die geschworenen Feinde meiner Sonntagsvorlesungen, und legen dem Institute, von dem sie ausgehen, jedes mögliche Hinderniss seiner materiellen Entwickelung in den Weg; – natürlich aus purer Besorgniss für die reine Wissenschaft, wie jene Tartüffe vorgeben; aus purem Neid und Aerger über die Erfolge solchen Bemühens, wie ich zu behaupten, mir die Freiheit nehme.

Aus vielen hierher gehörigen Auesserungen will ich nur Eine citiren, die eines sehr berühmten, bereits verstorbenen ausländischen Physikers und Mathematikers, des hochgefeierten [S. 7] Prof. Gauss in Göttingen. Prof. Rud. Wagner, ein Mann, der in seinen jüngeren Jahren einer der begabtesten und eifrigsten Lehrer für alle Welt war und im Alter, nach der Meinung seiner Gegner, das Unrecht beging, an Gott und Göttliches zu glauben (ein Unrecht, das, nebenbei gesagt, ich auch begehe), derselbe R. Wagner, Anatom und Physiolog seines Zeichens, sagt in einem Berichte über allgemeine Naturgeschichte des Menschen (Troschel’s Archiv für Zoologie, 1862, Band II., S. 7): „Ich werde immer mehr der Ansicht unseres grossen Gauss, der bei Gelegenheit der Epidemie der wandelnden Tische sagte: „„diese ganze Geschichte sei doch ein schlagender Beweis, dass eine Belehrung und Bildung der grossen Menge durch populäre Behandlung der Naturwissenschaften völlig unerreichbar sei.““ Derselbe R. Wagner erklärte auch überhaupt in seinen alten Tagen die Frage für offen: „inwieweit naturwissenschaftliche Gegenstände einer populären Behandlung fähig sind, und eine solche zur allgemeinen Bildung beiträgt.“

Sie hören also, g. H. u. F., dass das Gelehrtenthum, vom Zusammenhang der Universität und des Volkes Nichts oder nur Wenig wissen will.

Dass aber nicht bloss Gelehrte vom Fach sehr zweifelhaft darüber sind, ob man dem erwachsenen Volke Futter aus dem Brodkorbe des Universitäts-Wissens, d. i. der eigentlichen Wissenschaft, dem schönsten und sichersten Erwerb des Menschenthums, reichen soll, sondern auch Männer, welche nicht nur nicht Gelehrte vom Fach sind, sondern überhaupt keine Gelehrte, auch kein eigentliches Fach haben, beweist die Aeusserung eines reisenden Literaten, des Hrn. Nebenius, abgegeben in einer der jüngsten Nummern (15) der illustrirten Zeitung: „Ueber Land und Meer.“ Erlauben Sie mir, dass ich Ihnen einige Stellen aus dem für unsere Zwecke besonders interessanten betreffenden Aufsatze, betitelt: „Federzeichnung aus Baden, eine Wintervorlesung,“ citiere.

Herr Nebenius erzählt zuerst von der sehr grossen Zahl und Frequenz populärer Vorlesungen in Baden, besonders über religiöse Gegenstände, weiter auch über Aesthetik, die Sternenwelt, das Milizsystem, über historische Personen u. s. w., rühmt die ausserordentliche Ausdauer der Damen in diesen Vorlesungen, im Gegensatze zu den Studenten, welche „die Vorlesungen (die officiellen) nicht allzuselten zu schwänzen pflegen, und sich an den Damen ein glänzendes Exempel nehmen könnten.“ (welchem Lob und welcher Rüge ich nach eigenen Erfahrungen nur vollkommen beistimmen kann, nur dass ich mein Lob nicht nur den Damen sondern noch einer Masse von Grauköpfen zuerkennen muss die, mit wirklich bewundernswerther Ausdauer und gründlichem [S. 8] Eingehen, alljährlich meinen, nicht blos den populären, sondern auch den streng wissenschaftlichen Vorlesungen folgen), und schliesst mit folgender herabstimmenden Aeusserung: „Eben so wenig können wir konstatiren, dass durch das wissenschaftliche Dilettiren wirklich ein im Allgemeinen sichtbar werdender Fortschritt der Bildung resultire. Einzelne mögen wohl aus dieser oder jener Vorlesung eine gute und nützliche Anregung mit sich fortnehmen, bei der Mehrzahl wird wenig davon haften bleiben. Die Wissenschaft schliesst das Dilettiren förmlich aus, sie verlangt Arbeit, volle, lange, strenge Arbeit und lässt sich nicht wie eine Eintagsfliege im Fluge erhaschen etc.“

Wie Sie also, g. H. u. F., nun so eben vernommen haben, nimmt Hr. Nebenius, – kein Universitätsprofessor, kein Fachgelehrter, bloss Mitarbeiter einer, zudem nur für das Volk berechneten Zeitschrift, – nicht Anstand, sehr entschiedene Zweifel an der Berechtigung der sogenannten populären Vorlesungen auszusprechen und sogar zu sagen: „Einzelne mögen wohl aus dieser oder jener Vorlesung eine gute und ihnen nützliche Anregung mit sich nehmen; bei der Mehrzahl wird davon wenig haften.“ Hr. Nebenius, ein übrigens sehr geistreicher und ernster Mann aus dem Volke, – Volk hier im Gegensatze zu Universitäts-Lehrer genommen, – hat also denselben Standpunkt, bezüglich Wissenschaft, was gleichbedeutend mit Universität ist, und Volksbildung, wie der grosse Physiker, Gauss.

Eine solche Harmonie muss uns wohl stutzen machen und kann leicht bei Unterrichtsministern, die nicht tiefer gehen, und bei Organen dieses Ministers, welche nicht eigene Erfahrung über diesen Gegenstand besitzen, und nicht durch eigenes Nachdenken auch die Kehrseite der Medaille kennen gelernt haben, zu Schritten Veranlassung geben, welche dem so heiss ersehnten und nothwendigen Fortschritte allseitiger Volksbildung nichts weniger als förderlich sein dürften.

Es lag daher in diesem, von scheinbar massgebenden, verschiedenen Seiten einstimmig ausgesprochenem Urtheile: das erwachsene Volk sei für die Resultate der strengen Wissenschaft und insbesondere der eigentlichsten Wissenschaft, der Naturwissenschaften, nicht recht belehrungsfähig, ein zweiter sehr wesentlicher Sporn zum Thema: Universität und Volksbildung für mich, der ich das entschiedenste Gegentheil denke und vertrete. Vertrete, theils weil ich die völlige Unwahrheit der von Gauss gemachten Aeusserungen auf das Eindringlichste erfahren habe, und theils weil, wenn ich sie auch nicht selbst erfahren hätte, ich es doch für eine der wichtigsten Aufgaben gerade des Universitätslehrers, des Wissenschaftsvertreters par excellence, erachte, ausser dem sogenannten Kreise der officiellen Zuhörer – [S. 9] einem, nebstbei gesagt, bei den verworrenen und theils auf falschen Anschauungen und Privilegien beruhenden Fach-Einrichtungen unserer Universitäten, oft für sehr wichtige und weit tragende Fächer sehr problematischem Kreise, – weil ich es, wie gesagt, gerade den Universitätslehrern als heiligste Pflicht zuerkenne, nicht bloss durch Schrift, sondern auch durch das lebendige Wort und durch That (Demonstration, wo Noth) ihre Wissenschaft den grösstmöglichen Kreisen ihrer Mitbürger mitzutheilen, in allen jenen Beziehungen, die diesen in ihrem physischen und geistigen Leben irgendwie förderlich sein können. –

Zu dem angeführten zweiten Motiv meines heutigen Hauptthemas kommt aber nun, besonders seit den letzten Jahren, ein mir für das Menschenthum im Allgemeinen höchst wichtig scheinender dritter Grund hinzu: das fast völlige Verkennen des wahren religiösen Bedürfnisses, und was darum und daran, bei der Mehrzahl der Menschen, welches Verkennen in der Regel den Naturwissenschaften in die Schuhe geschoben wird.

 

III.

Ich wiederhole: welches Verkennen und Verkommen des religiösen Bedürfnisses in der Regel, wenigstens von einer gewissen sehr einflussreichen Partei, den Naturwissenschaften und deren unläugbaren, weil mit Händen zu greifenden, Fortschritten in die Schuhe geschoben wird.

Da nun von wahrer Vertretung und Auffassung der Naturwissenschaften nur an den Universitäten gesprochen werden kann, – Volks- und Mittelschulen spenden nur höchst dürftige Brosamen aus dem jetzt schon so ungemein reichen Schatze des Ganzen, – da weiter nur Erwachsene und nicht Kinder und zartere Jünglinge mit der vollen Bedeutung des Erwerbes der Naturwissenschaften vertraut gemacht werden sollen und können, was doch wieder nur an den Universitäten und an keiner tiefer stehenden Schule geschehen kann, so ergeben sich, meines Erachtens, als logische Konsequenz, für die Universität folgende Aufgaben bezüglich des angedeuteten Thema’s. Nämlich erstens: die Universität hat dazulegen, klar und verständlich für alle Welt, – worin das völlige Verkennen des religiösen Bedürfnisses und seines wahren Inhaltes in heutiger Zeit, – zunächst bei uns in Oesterreich – besteht und wieso es entstanden und gewachsen. Und zweitens: zu zeigen, wie unrichtig und unbegründet es ist, dieses Verkennen den Resultaten der Naturwissenschaften zuzuschreiben, nämlich zu zeigen, wohin die Naturwissenschaften den Menschen wirklich stellen und was [S. 10] sie ihm zu denken befehlen und – verbieten. – So ergab sich denn als ein dritter, vielleicht meiner Lehrkanzel fernerer, aber meinem Herzen und meinem ganzen Gedankengange sehr nahe stehender Grund für die Wahl meines heutigen Thema’s: Universität und Volksbildung, die Nothwendigkeit, den Zusammenhang zwischen dem religiösen Bedürfnisse und der Naturforschung unbefangen zu beleuchten.

Da aber als Vertreter des religiösen Bedürfnisses in allen civilisirten Ländern und selbst bei den uncivilisirten Heiden das Priesterthum erscheint; da über diesen Stand und diesen, von jedem wahren Menschenkenner und Menschenfreunde nicht zu unterschätzende, ausserordentliche Bedeutung gerade in der allerjüngsten Zeit die allerwidersprechendsten und befangensten Urtheile, zum grossen Schaden der Volks-Erziehung und Volks-Stimmung, gefällt werden; da weiter das Priesterthum aller Konfessionen sich in seinem Bestande und seiner Wirksamkeit mehr [oder] weniger durch die Naturwissenschaft und ihre Lehren beeinträchtigt und gefährdet wähnt, hielt ich es für eine weitere nothwendige Konsequenz des Thema’s: „Universität und Volksbildung,“ die Bedeutung des Priesterthums und die seines Zusammenhanges mit der Naturwissenschaft auch, wenigstens andeutungsweise, zu berühren; andeutungsweise nur, da ich für so manches hieher Gehörige schon auf Einleitungsreden zu den früheren vier Cyclen meiner Sonntagsvorlesungen (1863-1867) mit Fug verweisen kann. –

Sie haben nun, g. H. u. F., den ganzen Gedankengang beisammen, welcher mich zu meinem heutigen Gegenstande veranlasst hat; Sie sind mit mir den Weg gegangen, der zu ihm führt. Nun werden Sie aber vielleicht mit gelindem Schauer fragen: „ja, wenn schon der Weg zu Ihrem Gedankengange uns so lange in Athem hielt, wie lange erst werden wir bei der Durchführung des Themas selbst aushalten müssen.“ Ich kann Sie hierüber beruhigen. Denn, mit dem Weg zu meinem Thema, haben Sie ja eigentlich, – wie Sie mir vielleicht zugeben, – dasselbe selbst schon grösstentheils kennen gelernt. Ich kann mich nun kürzer fassen, ohne Missverständnisse fürchten zu müssen, da Ihnen eben meine Motive und mein Standpunkt bekannt sind.

„Motive, ja; Standpunkt nicht,“ höre ich Sie mir hier zurufen. „Ueber den heikelsten Theil Ihres Unternehmens,“ sagen Sie mir weiter, „über Ihre Auffassung des Priesterthums im Verhältniss zu den Naturwissenschaften, zur Universität und zur Volksbildung, wissen wir ja noch gar Nichts aus Ihrem Munde; Sie haben uns nur gesagt, dass man diese Gegenstände im Zusammenhange mit der Frage: Universität und Volksbildung behandeln solle; über das Wie aber haben [S. 11] Sie Nichts vorgebracht; Ihren Standpunkt in dieser Angelegenheit, die eben so sehr widersprechend von den zwei gegnerischen Parteien behandelt wird, haben Sie noch nicht angedeutet.“ Also, g. H. u. F., rufen Sie mir zu.

Nun, diesen Standpunkt möchte ich eigentlich am liebsten durch eine Anweisung kennzeichnen, die so lautet: „Lesen Sie, m. H. u. F., das so eben in Wien erschienene Buch: „das Christenthum und die moderne Naturwissenschaft,“ von J. Frohschammer, Dr. und Professor der Philosophie in München, einem, seiner Bestrebungen wegen, vielfach gemassregelten Mann. Nehmen Sie die in diesem Buche enthaltenen, in vortrefflicher Weise dargelegten, in eben so klarer als würdiger und schöner Sprache geschriebenen Wahrheiten in sich auf, und – Sie wissen vollkommen, welche Aufgabe ich der Religion, welche der Naturwissenschaft, und welche den unter allen Menschen zu verbreitenden Erkenntnissen, also deren Verbreiterin, der Universität anweise. Sie werden durch die Lektüre dieses trefflichen Buches tausendmal besser, als ich es vermöchte, in den wirklich berechtigten Standpunkt beider Hauptgewalten über den Menschen, der religiösen (idealen, jener des Gemüthes) und der naturhistorischen, (realen, jener des Verstandes) eingeweiht. Allein dieses Buch ist sehr umfangreich und beansprucht leider bei seiner Lektüre eine Hingebung des Lesenden, theilweise auch einen Bildungsgrad, die nicht allen Ständen gemein sein können.

Ich will also lieber Einiges aus diesem Buche herausgreifen. Zuerst lege ich Ihnen einen Satz aus der Vorrede des Buches vor (S. 18), der so lautet: „So oft die Wissenschaft grosse Fortschritte macht, so oft die Menschen vom Baume der Erkentniss essen, wird das Paradies des Glaubens (resp. einer positiven historischen Gestaltung desselben, und was sich daran knüpft) mehr oder weniger verloren gehen; die Bildungen und Formen der Religion, in denen sie zeitweilig ihr beglückendes Wesen für Fantasie und Gemüth der Menschen gestaltete und vermittelte, werden vor der Verstandesforschung nicht Stand halten und sich auflösen. Allein das Wesen, der Geist der Religion ist unvergänglich; (ja wahrlich, schiebe ich hier zu Frohschammer’s Satz ein, zum Troste für das wahre Priesterthum und zum Beweise, dass es stets ein solches geben müsse und werde, wo Menschen an heimischen Heerden walten; – also nochmal: „Das Wesen, der Geist der Religion ist unvergänglich) und wird sich in neuen Glaubensformen für Phantasie und Gemüth der Menschheit gestalten, und Frieden und Trost gewähren, durch den innigen Verkehr mit Gott und die daraus hervorgehende Beseeligung und Hoffnung.“

[S. 12] Wie man diese „Wandlungen der Religionsformen“, ein unausbleibliches Resultat der fortschreitenden menschlichen Wissenschaft, – also jedenfalls ein von Gott vorhergesehenes und zulässig erachtetes Resultat der Wissenschaft, hebe ich nachdrücklich hervor, – wie man diese Wandlung hinnehmen müsse, drückt Frohschammer in gleich wahrer, wie humaner Weise aus: „Verlust und Wiedergewinn (von Religionsformen, schalte ich zum Verständnis ein; B.) sind mit Ergebung hinzunehmen und gewähren zu lassen, und durchaus ist nicht der vergebliche Versuch zu machen, durch Gewalt und Zwang das eine (den Verlust alter Formen; B.) zu verhüten, das andere (den Gewinn neuer; B.) zu fördern, denn in der Religion lässt sich Nichts durch Herrschaft erreichen (!); daher diese von Christus nicht umsonst den Aposteln gegenüber ausdrücklich verboten wurde.“

Frohschammer sucht weiter seine Leser auch über das freilich nicht wegzuläugnende Faktum zu trösten, dass wir eben in einer Zeit leben, in der solche heftigen und die Mehrzahl irreführenden Schwankungen auf dem Gebiete des religiösen Bedürfnisses Statt finden, und drückt dies in sehr beherzigenswerthen Worten aus, die ich mit Absicht Ihnen noch zum Schlusse vorführe, besonders um der die Erziehung unserer Kinder betreffenden Mahnung willen, die darin enthalten ist. Frohschammer erinnert nämlich mit vollem Recht: „Es wäre freilich bequemer, angenehmer für uns, es würde viel Beunruhigung und Geistesnoth uns erspart sein, wenn es uns beschieden wäre, vielmehr in einer Zeit regelmässigen ruhigen Ganges des geistigen Daseins zu leben, innerhalb des begränzten geistigen Horizontes einer positiven Religion, als in einer Zeit der Auflösung, des Ueberganges und der Neubildung, wie die unsrige ist. Indess hilft Klagen hierüber nichts, sondern es gilt, mit Muth und Ausdauer der Lösung der Aufgabe zuzustreben.“ „Ein Hauptübel,“ fährt F. fort, „dem zu steuern geboten ist, besteht darin, dass bei unserer ersten Erziehung und auch bei späterer religiöser Unterweisung so Vieles als unumstössliche und wesentlich nothwendige religiöse Wahrheit gelehrt und zum Bestandtheil religiösen Glaubens gemacht wird, was sich später im Lichte der Wissenschaft als sehr unsicher, als zweifelhaft oder geradezu unhaltbar erweist. Dadurch werden viele Menschen der Qual des Zweifels, der Ungewissheit und inneren Unruhe ausgesetzt und büssen das gesunde geistige Leben über diesen inneren Zwiespalt ein. Da werden sie dann von beständiger Ungewissheit und Beängstigung gequält und hin und her geworfen, oder überlassen sich allmälig vollständiger Gleichgültigkeit und Apathie, oder werfen geradezu alle Religion und ideale Weltauffassung das Wesentliche [S. 13] des religiösen Glaubens, mit dem Unwesentlichen über Bord.“

Die nun hier angeführten Aeusserungen Frohschammer’s werden Ihnen wohl, m. H. u. F., genügen zum Beweise, dass F. neben dem glühendsten Bedürfnisse nach religiöser, oder wie er es richtig nennt, idealer Nahrung der Seele, eine ganz unbefangene und richtige Anschauung über die Rolle der Naturwissenschaften diesem Bedürfnisse gegenüber hat; dass ich also mit Recht sein Buch Ihnen dringend empfehlen kann, und mit noch mehr Recht als den beredtesten Fürsprecher jenes Standpunktes bezeichnen kann, welchen ich in der Frage religiöses Bedürfnis und Kennzeichnung desselben für den Menschen, einnehme.

Ueber die Rolle aber des Priesterthums, diesem religiösen Bedürfnisse und dieser religiösen Wandlung gegenüber, spricht sich Frohschammer nirgends deutlich aus, d. h. er sagt nirgends aus, ob es ein Priesterthum geben müsse, und wie es behufs der echten Volksbildung organisiert sein solle. Er schildert vielmehr überall und mit grosser Energie nur den hemmenden und schädlichen Einfluss, den das Priesterthum „der äusserlich organisirten Religionen oder Kirchen“ (S. 437), wie er es nennt, auf die wahre religiöse Entwicklung des Menschengeschlechtes übt; so z. B. mit folgendem Satze: „die äusserlich organisirten Religionen oder Kirchen wollen auch darum keinen Fortschritt, sind keines solchen fähig, und fühlen kein Bedürfnis dazu, weil sie auf dem Grundsatz beruhen, dass für das geistige Leben Alles schon gegeben sei und da sei durch die göttliche Offenbarung, was überhaupt nothwendig, erspriesslich und möglich sei für die Menschheit.“ Einen Vermittlungsversuch nun zwischen diesem soeben geschilderten, hemmenden Bestreben des Priesterthums der bestehenden Kirchen und dem wirklichen, alljährlich fast könnte man sagen, mit den wissenschaftlichen Fortschritten auch in seinen Ansprüchen und Formen fortschrittsbedürftigen religiösen Bedürfnisse der Menschen versucht Frohschammer nicht einmal.

Hierdurch unterscheidet sich aber meine heutige Situation und Aufgabe von jener Frohschammer’s. F. gibt keine Definition des Priesterthums; für ihn scheint dieser Begriff ein Noli me tangere zu sein; vielleicht ist es auch für den Filosofen; für den Naturforscher ist er es, meines Erachtens, nicht. Besonderes wenn dieser Naturforscher noch so viel Idealismus behalten hat, um über den Schatz, den er täglich erwirbt, und den die Gegner Materialismus zu nennen belieben, weil Materien den Inhalt dieses Schatzes bilden, um über seinen, eigentlich nur als Zeuge des Idealen in der Welt dienenden, Schatz nicht dessen ewige [S. 14] Ursache, die allmächtige, allweise und allliebende Urkraft, – Gott von uns genannt, – zu vergessen.

Zu des Naturforschers, besonders wenn er öffentlicher Lehrer ist, theuersten Objekten gehört der Mensch, und wer das Wesen des Menschen naturgemäss auffassen will, und für selbes fördernd wirken, kann die Bedeutung eines, freilich nur eines wahren, Priesterthums und die Northwendigkeit seines Bestehens in der bürgerlichen Gesellschaft nicht von sich weisen.

Ich will daher nun, nachdem ich ihnen in äusserster Kürze gesagt haben werde, wie ich mir im Einzelnen den Einfluss der Universität auf die Volksbildung denke, und was jene hierfür zu thun hat, Ihnen auch sagen, was ich unter Priesterthum verstehe. Diese Erklärung wird uns am besten zeigen, ob das wahre Priesterthum und Naturforschung widersprechende Begriffe sein müssen, oder harmonische sein können.

Und das Band zwischen dieser Betrachtung und jener des Einflusses der Universität auf das Volk werden wir dann sehr leicht finden.

 

IV.

Wie ich mir, g. H. u. F., die Aufgabe der Universität, das Volk im Grossen und Ganzen zu bilden, realisirt denke, und was sie bedeutet, will ich nun vor Allem Ihnen vorlegen. Es versteht sich von selbst, dass der belehrende Einfluss der Universität zunächst nur da den Staatsbürgern zu Gute kommen kann, wo sich eine Universität befindet; die Einwohner der Hauptstädte sind daher auch in dieser Beziehung vor vielen ihrer Mitbürger vom Schicksale bevorzugt. Darum ist es aber auch die heilige Aufgabe der Bewohner solcher Städte, dem ganzen Lande mit Allem voranzugehen, was den Fortschritt in wissenschaftlicher und moralischer Beziehung wahrhaft kennzeichnet. Diese Aufgabe erwächst natürlich am entschiedensten den Gemeinde-Vertretungen jener Städte, und sie vor Allen mögen daher sich es angelegen sein lassen, von den veredelnden und belehrenden Einflüssen der allgemeinen Universitäts-Bildung zu gewinnen, um dann das theoretische Schatz-Gestein der Universität in das praktische Gold der Nutzanwendung im täglichen Leben zu umsetzen; zum Heile zunächst ihrer Gemeideangehörigen, und durch deren Beispiel, weithin über das ganze Land den segensreichen Einfluss der erworbenen Kenntnisse verbreitend.

Nehmen wir vorläufig den guten Willen hiezu bei allen Betreffenden an, so muss nun gezeigt werden, was die Universität zu thun hat, um diesem gerecht zu werden.

[S. 15] Ich kann dies nur in wenig Zügen hier andeuten, denn die Ausführung dieses Gegenstandes erforderte mehrere Stunden und nicht den geringen Rest von Zeit, den mir Ihre ohnedem so nachsichtige Geduld noch heute schenken kann.

Vor Allem muss hier betont werden, dass die Vorlesungen, welche die Universität den erwachsenen, nicht mehr schulpflichtigen Bürgern geben soll, vom wahren Universitäts-, d. i. universellem Geiste beseelt sein müssen; dies ist die oberste Forderung für die Qualität des Universitäts-Unterrichtes an das Volk. Der Universitäts-Lehrer, der sich zum Volke wendet, muss von seiner herrlichen Aufgabe durchdrungen sein, und in Anbetracht der geringen Zeit, in der er nur Wesentliches lehren soll, die wahre Essence d’esprit et des choses (einen Geistes- und Materien-Extrakt) aus seinem Fache zu ziehen wissen. Er muss genau kennen, wie viel und wie wenig (!) davon sicher ist, um mit Recht zum Gemeingut aller Menschen werden zu sollen. Akademiker-Dünkel oder ein Herumreiten auf überflüssigen Dingen, welche allenfalls die Anerkennung einiger gelehrten Dunkelmänner finden mögen, weil diese Aehnliches treibende Maulwürfe sind, müssen solchen Vorlesungen ganz ferne bleiben, wenn die Universität wahrhaft belehrend und erziehend auf die Menge wirken soll.

Die Wahrheit des Wissens vor Allem und dessen inniger Zusammenhang mit den, jedem Menschen geläufigen Beziehungen des Lebens müssen in jedem Fache nachdrücklichst vor die Seele der Hörer aus dem Volke gestellt werden. Dann folgen diese gerne, einmal, weil sie merken, dass sie dem Lehrer glauben können, und zweitens, weil sie, freilich oft erst nach und nach, einsehen lernen, dass das ihnen Gegebene von wahrem Nutzen für sie sein kann. Und hier kann ich eines sehr förderlichen Umstandes rühmend erwähnen: die Mehrzahl der Hörer ist nämlich, wie ich mich vielfach überzeugt habe, billig genug, unter diesem Nutzen nicht solchen zu meinen, der unmittelbar ihre materielle Lage fördert; die Mehrzahl ist, – zur Ehre meiner Mitbürger fühle ich mich, nach 4jährigen Erfahrungen in dieser als so genusssüchtig verschrieenen Residenz, gedrängt, es hervorzuheben – die Mehrzahl der Hörer, wenigstens in den Hauptstädten, ist vorgeschritten genug, auch das erhebende Bewusstsein, welches Wissen an und für sich dem Menschen gewährt, für einen reellen Lebensnutzen anzuerkennen, für ein wirkliches Gut, das selbst dem Armen zu Gute kommt, wenn er es nur fassen will. Der bekannte Satz: „Wissen ist Macht,“ vervollständigt durch den minder bekannten, aber vielleicht häufiger gefühlten: Wissen ist Würde, ist viel mehr und tiefer in das Bewusstsein der Menschen eingedrungen, als selbst viele [S. 16] Staatsmänner zugeben wollen, weil – ihnen die Anerkennung dieser Wahrheit nicht ganz passt.

Dass es aber trotzdem so ist, muss vor Allem die Universität im Auge haben, wenn sie sich mit ihrem Besitze an das Volk wenden will. Wer die Universität bloss als Gelehrtenschule auffasst, wird natürlich meine, der Universität mit zuerkannte Aufgabe der Volksbildung von sich weisen; dies thun auch jene, welche die Universität zwar nicht als Gelehrtenschule aber als Standesschule zur Bildung von Priestern, Advokaten, Beamten, Aerzten und Schullehrern betrachten. Beiden Ansichten zu antworten, habe ich hier weder Zeit noch Lust; ich erkläre mich einfach auf das Bestimmteste dahin, dass beide Parteien den Begriff der wahren Universität unrichtig, viel zu eng und zu engherzig, auffassen.

Ich stelle diesen Begriff so: die Universität soll der Mittelpunkt alles Wissens sein, das in je einer gegebenen Zeit die Menschen besitzen; an ihr soll die Summe jenes Wissens durch Besitzer desselben (Professoren genannt) vertreten sein. Aus Besitzthum erwachsen aber Pflichten; die Pflicht der Universität ist es daher, von ihrem Besitze Allen zukommen zu lassen, die davon etwas brauchen. Wohlgemerkt, ich sage nicht, wie die Definirer der Universität als Gelehrten- oder Standes-Schule, sie solle nur Jenen etwas bieten, die davon etwas wünschen, d. h. die einen sogenannten Universitätsberuf wählen; ich sage: Allen, die etwas brauchen. Nun brauchen aber, meines Erachtens, alle Staatsbürger etwas, wenn auch nur Extrakte, vom Universitätswissen; zu dieser Ueberzeugung müssen der wahre Staatsmann, der Unterrichtsminister kommen, wenn sie ihrer civilisatorischen Aufgabe wahrhaft gerecht werden wollen.

Universität und Volksbildung ist, wie wir sehen, eine eigentlich auf der Hand liegende Begriffs-Kombination. Denn, – wann wird die Mehrzahl des Volkes aus den Schulen entlassen, in denen sie allenfalls etwas, wenn auch nur sehr Elementares lernen kann, obschon auch dies, nebenbei gesagt, nicht immer leider der Fall ist? Die Jünglinge mit 14-16 Jahren, die Mädchen meist schon früher; die geringste Zahl der Mitbürger bleibt einige Jahre länger, um sogenannte Brodwissenschaften zu erwerben.

Lassen wir letztere vorläufig; geben wir zu, sie hätten wirkliches Universitätswissen, obgleich ein Blick auf die Mehrzahl unserer Aerzte, Beamten, Priester hiervon in nicht eben erbaulicher Weise Kunde gibt. Die Mehrzahl unserer Mitbürger aber, – unter 30 Millionen (Oesterreichs) jedesfalls wenigstens 29½ Millionen, – lernen von Allem, was Menschenwitz ersonnen (Mechanik, Mathematik, Physik), was Menschgeist erforscht (Naturgeschichte, Philosophie), was [S. 17] Menschenfleiss zusammengetragen (Weltgeschichte, Sprachenkunde etc.), Nichts, gar Nichts; sie bleiben die wahren Heloten (Sklaven) des Geistes; nicht weil sie es so wollen, sondern weil sie so müssen. Denn die Schule, wo solches Wissen ihnen verständlich gereicht wird, existirt noch nicht: die Universität hat es bisher fast ganz verschmäht, die Volksbildung systematisch mit zu ihrem Geschäfte zu machen.

Dass dies anders werden müsse, ist ein Gedanke, der mich seit meinen Jugendjahren beschäftigt hat; ich habe ihm zuerst Ausdruck gegeben, in dem für den Baron Feuchtersleben, Staatssekretär des Unterrichts im Jahre 1848, entworfenen Plan eines allgemeinen naturhistorischen Institutes, das ein Theil der Wiener Universität werden sollte, welcher Plan aber leider bisher nicht realisirt wurde; (mein Institut ist nur ein winziger dazu sehr nothdürftig gestellter Theil desselben); ich habe jenen Gedanken zu verwirklichen getrachtet, allsobald ich in einer Stadt meiner Muttersprache (Wien) öffentlicher Lehrer wurde, wie dies die seit jener Zeit gegebenen Cyklen meiner Sonntagsvorlesungen, und der Zulass aller Menschen (Männer) zu meinen streng wissenschaftlichen Vorlesungen genügend bezeugen können.

Denn, sagte ich mir, für jene 29½ Millionen Staatsbürger, die ich früher erwähnt, die mit dem Austritte aus den Volks- und Mittelschulen, der in ihre frühe Jugend fällt, dem geistestödtenden Schlendrian ihres Berufes, dem jede höhere Richtung vernichtenden Gifthauche der täglichen Sorgen verfallen, für jene 29½ Millionen, wiederhole ich, hat, meines Erachtens, die Universität zu sorgen, dass sie, ausser dem dürftigen und nur selten und wenig veredelnden Elementarunterrichte ihrer Jugend, noch Etwas lernen, was sie zum echten Bewusstsein ihrer Menschen-Stellung bringen kann.

Dieses Etwas zu wählen und zuzubereiten, vermag aber nur die Universität, denn nur sie ist im Stande, den allgemeinen Standpunkt jeder und aller Wissenschaften zu übersehen; ihre Lehrer sind durch ihren Lebensberuf dazu angewiesen, alle Brennpunkte des geistigen Thuns der Menschen zu sammeln, alle Fortschritte der einzelnen Zweige zu verfolgen, zu prüfen und eventuell aufzunehmen; ihre Lehrer müssen fortwährend studiren, um auf dem Niveau ihrer Fächer zu bleiben, und sie erfahren so am besten, was im menschlichen Wissen bleibend und was es nicht ist.

Das Bleibende nun und für jeden Menschen in näherer oder fernerer Beziehung zu Verwerthende, unter das Volk, in angemessener Weise, zu verbreiten, halte ich nicht blos für eine der wesentlichsten und glänzendsten Attribute der Universität, sondern auch für deren heiligste Pflicht. In der Volksschule wird Lesen, Schreiben und Rechnen gelehrt. Die Mittelschule [S. 18] lehrt entweder einige materielle Kenntnisse zum Betriebe des täglichen Lebens, Bruchstücke von Standeswissen, oder einige, dazu in solcher Ausdehnung, meist überflüssige Sprachkenntnisse, letztere mit dem, nebenbei bemerkt, unverantwortlich grösstem Zeitaufwande der so kostbaren und ganz anders zu verwendenden Jugendzeit. Kenntnisse zur Reifung des Verstandes, zur Veredlung des Geistes, zur Kräftigung des Herzens zu lehren, Kenntnisse, um allen Staatsbürgern die rechte Befähigung dazu zu geben, was Sie eben alle werden wollen: Väter und Mütter, solche Kenntnisse soll die Universität an Sie verbreiten, weil sie allein es richtig kann.

Ich habe so eben einen hochwichtigen Grund genannt, der, vor vielen anderen, dringend verpflichtet, auf das Volk bildend zu wirken; Sie sollen zu menschenwürdigen Vätern und Müttern erzogen werden. Beides physisch zu werden, ist bekanntlich sehr leicht, wenn man ein gewisses Alter erreicht hat; es moralisch zu sein, ist aber in jedem Alter sehr schwer. Dass dem ist, bezeugen täglich viele unter Ihnen mit dem Ausrufe: „Wenn ich nur selbst etwas gelernt hätte; ich schäme mich vor meinem Knaben,“ und Aehnliches. Nun, m. H. u. F., schämen Sie sich eben nicht, und lernen Sie etwas; hierzu ist man nie zu alt, wenn man nur zu dem rechten Lehrer geht. Und solche rechte Lehrer für die Alten können vorzüglich nur die Universitätslehrer sein; vorausgesetzt, dass sie nicht durch Dünkel, oder falsche Anschauungen, oder Mangel an didaktischen Gaben verhindert werden, ihre ganze Aufgabe zu begreifen und zu erfüllen.

Welche Früchte aber eine mit Liebe gebotene Gabe von Universitätswissen an die Menge trägt, mit welcher Theilnahme sie von dieser entgegen genommen wird, darf ich wohl vor Allem nach eigenen Erfahrungen bezeugen. Aus den 160 Hörern meines ersten Cyklus, im Jahre 1863, unter denen etwa 25 Damen schüchtern und zagend erschienen, – war es doch die Schauer erregende Anatomie, die ich bot, – sind nun, im fünften Cyklus, weit über 700, laut Einschreibungen, geworden, unter denen das stattliche Kontingent von 260 Frauen in blüthenreichen Reihen vor Ihren Augen prangt.

Und wie ich es unternahm, eine Wissenschaft, die der Mehrzahl scheinbar ganz ferne stand, die vergleichende Anatomie, dieser Mehrzahl mundgerecht zu machen, wie ich dies für keine Entwürdigung der Wissenschaft, sondern für eine ihrer dringlichsten und besten Aufgaben gehalten, so sollen es, meines Erachtens, alle Universitätslehrer, jeder mit seinem Fache, oder wenigstens einem Theile desselben, machen.

Sie thäten es gewiss alle mit dem grössten Erfolge; theilweise mit einem weit grösseren, als es meinem Fache vergönnt [S. 19] ist, weil andere Wissenschaften die Menge eben noch weit mehr interessiren, als die Anatomie. Nach Tausenden zählten, denke ich mir, gewiss die Zuhörer von Vorträgen über Weltgeschichte, wenn sie nur gleich weit von einem, Utopisches fordernden Liberalismus, wie von dem finstern, eben so unberechtigten als verwerflichem, Geiste reaktionärer, d. h. dem Menschenfortschritte feindlicher Anschauung blieben.

Die lockenden Wahrheiten der Physik und Chemie, – lockend, weil sie so viele Vortheile den Menschen bieten, – in zusammenhängenden Reihen, nicht in winzigen Brocken, worüber ich noch später reden werde, fasslich geboten und von eingehenden erläuternden Demonstrationen begleitet, versammelten entschieden ein ausserordentlich zahlreiches Publikum; vide Frankreich und England, wo dieses Publikum nach Tausenden zählt. Dazu ein Publikum, das um so veredelter würde, um so bildungsfähiger, um so opferwilliger für allgemeine Zwecke und Einrichtungen, je mehr es erfahren würde, wie die durch physikalische Forschung aufgedeckten, den Menschen von Gott verliehenen Fähigkeiten, wie das dem Menschen beschiedene Können, – riesigster Art, kann man schon heute sagen, – eben diesen Menschen die höchst mögliche irdische Wohlfahrt, zugleich mit dem erhebendsten geistigen Bewusstsein verbürgen, wenn jene Fähigkeiten zweckmässig angewendet werden.

Die Ergebnisse der Völkerkunde, der Länder-Entdeckungen und Reisen, der Staats-Oekonomie zu popularisiren; die moralischen und konventionellen Grundlagen der Gesetze allgemein fasslich zu erörtern; den verbindenden rothen Faden zu zeigen, der sich durch die verschiedenen Sprachen aller Menschen zieht; endlich die unsagbaren Wunder, welche der Himmel birgt, in ihren Hauptzügen der Menge vorzuführen; Alles dies und noch Vieles andere Universitäts-Wissen böten den Universitätslehrern reichen Stoff und lohnendste Aufgaben.

Es kann aber hier nicht meine Absicht sein, alle Universitäts-Wissenschaften im Einzelnen aufzuführen und ihrem Zusammenhang mit der allgemeinen Bildung nachzuweisen; dies überschritte weit die mir gegönnte Zeit, die mir gesteckte Aufgabe. Dass aber für alle ein solcher Zusammenhang existirt, und dass er ersichtlich gemacht werden soll, dieses darf und will ich noch schliesslich mit dem grössten Nachdruck betonen.

Dieser Betonung muss ich jedoch vor Allem die dringliche Mahnung beigesellen, nicht etwa einzelne, sogenannte interessante Themata aus den Universitäts-Wissenschaften auf gut Glück herauszugreifen, und in je Einer Stunde vor einer wohl wissbegierigen aber nicht vorgebildeten Versammlung durchzujagen. Nicht wenige bei uns bestehende Vereine, welche [S. 20] sich die Aufgabe sogenannter populärer Vorträge, besonders naturhistorischer, gestellt haben, begehen wesentlich diesen Fehler; ihre Früchte sind daher, wie ich mich vielfach überzeugt, fast Null, was jene Vereine natürlich in Abrede stellen. Von solchen Vorträgen gilt wohl, was, wie ich Eingangs erzählt habe, Herr Nebenius den populären Vorlesungen vorwirft: die Menge geht eben so ununterrichtet aus ihnen heraus, wie hinein, nur um eine Portion verwirrter. Ein gewisses Ganze muss jedenfalls geboten werden, und dieses in der dazu nöthigen Zeit (Reihe von Stunden), mit dem zum Verständnis für die Menge absolut nöthigen langsamerem Fortschritte und mit den unablässig erforderlichen Demonstrationen bei materiellen Wissenschaften. Nur dann kann eine wirkliche Belehrung für die Menge erhofft werden; jene Kaleidoskopähnlich wechselnden Vorlesungen zu je Einer Stunde, dienen wohl mehr der Privat-Eitelkeit des Lehrenden, als dem Bedürfnisse der Hörenden.

Eine noch wesentlichere Eigenschaft der populären, von der Universität ausgehenden Vorlesungen aber, als eine gewisse Vollständigkeit, ist, wie ich schon oben berührt, hier aber mit Absicht noch einmal und eindringlich, – warum, werden Sie g. H. u. F. sogleich entnehmen, – betone, deren Wahrheit.

Die strengste Wahrheit und Positivität in allen Mittheilungen und Schlüssen! Dies rufe ich mit Nachdruck allen Lehrern für das Volk zu, welchen Nachdruck ich vorzugsweise durch die gemachten und leider täglich zu machenden Erfahrungen über die traurigen Folgen des Gegentheils für geboten erachte.

Dieser Mangel an Wahrheit, zu welchem entschieden auch der Vorgang gehört, über Dinge, die man nicht oder nur halb versteht, zu reden, ist es, der besonders in jüngster Zeit so manchen, sonst geistreichen Mann auf Irrwege geführt und zum falschen Lehrer, zum hohlen Schriftsteller gemacht hat. In diese Kategorie von Belehrung an das Volk gehört z. B. ein jüngst in einem Wiener Blatte veröffentlichter Artikel über die Aehnlichkeit der Menschen und Affen. In ihm ward die Unwahrheit (vielleicht unwissentlich) begangen, halbverstandenes Wissen als ganzes auszugeben; und auf dieser Grundlage werden höhnische Zurufe, Herabsetzungen etc., an Andere ausgetheilt, die zwar nicht mehr von dem betreffenden Gegenstande wissen, als jener Zurufer selbst, aber gewiss auch nicht sehr viel weniger.

Dass Menschen und Affen sehr viel Aehnliches im Körperbaue haben, hat schon der alte Galen vor vielen Hundert Jahren gewusst, der, wie Cuvier richtig nachwies, seine Menschen-Anatomie am – Affen gelernt hat. Ein Blick auf die hier aufgehängten, neben einander befindlichen Abbildungen eines menschlichen, [S. 21] europäischen und eines Gorilla-Skeletes in gleicher Grösse kann Jedermann von Ihnen augenblicklich und unwiderleglich sowohl die frappante Aehnlichkeit beider Skelete, als auch ihre ebenso frappanten Unterschiede vorführen. Dass also auch wir Europäer etwas vom Affen haben, ist selbstverständlich und eine eben so alte Wahrheit als die, dass es Europäer und Affen gibt. Dass also zur Sicherstellung dieses Faktums, „dass selbst wir Europäer etwas vom Affen haben,“ weder ein neues Druckwerk herausgegeben, noch die Aussagen von Forschern „jüngster Zeit“ ins Treffen geführt zu werden brauchen, wie in jenem Artikel geschieht, ist einleuchtend. Wenn nun Jemand hingeht und aus dieser längst bekannten und von keinem einzigen Menschen in Abrede gestellten Thatsache von Aehnlichkeit der Menschen und Affen neue Angriffspunkte für andere, die dies vorgeblich nicht wissen, schmiedet, so hat er mindestens nicht wahrheitsgetreu gehandelt.

Da ich den Verfasser des hier genannten Zeitungs-Artikels als einen ebenso geistreichen wie im Allgemeinen unterrichteten und wahrhaftigen Mann persönlich kenne, so muss ich jene für das „Volk“ gemünzte unrichtige Darstellung nur auf Rechnung seiner minderen Vertrautheit mit der wahren wissenschaftlichen Sachlage des Gegenstandes stellen; sie gehört aber jedenfalls in die Kategorie der unwahren Belehrungen – und dies nur und nichts weiter will ich mit meiner hier als Beispiel dienen sollenden Rüge gesagt haben.

Also Wahrheit vor Allem! – Die wahre Wissenschaft bedarf keiner Schmähungen gegen solche, die sie nicht anerkennen wollen; sie dringt mit der ihr von Gott gegebenen Gewalt endlich durch allen Irrthum und alle Böswilligkeit der Menschengeister; die Wissenschaft soll nur ruhig lehren, was sie wirklich erkannt; auf die Länge der Zeit bricht sich jede wirkliche Thatsache die ihr gebührende Bahn; vergehen vielleicht auch Geschlechter darüber, so soll diese, jedenfalls im Plane der Schöpfung liegende, Verzögerung die Wahrheits-Wisser nicht zu Hass und Zorn gegen die Uebergangs-Geschlechter oder deren Führer aufregen.

Daher braucht und darf die wahre Wissenschaft auch keine Furcht vor irdischer Macht zu haben; am allerwenigsten aber vor jener irdischen Macht, die sich fälschlich als geistige ausgibt, indem sie mit Absicht die Begriffe von wirklicher Idealität (Religion) und Formschein derselben (Ceremonien, Ritus) durch einander wirft. Und da diese Furchtlosigkeit der Wissenschaft das oberste Prinzip der Lehrweise an der Universität sein soll, und zum Glück in der Neuzeit meistens auch ist, liegt ein neuer Beweis für mich vor, dass die Universität vor Allen anderen berufen ist, auf das Volk zu wirken, denn nur der Furchtlose [S. 22] kann zum Volke sprechen, wie er soll. Der Furchtlose nach oben und nach unten hin; – und nach unten hin, wiederhole ich; – welche letztere Furchtlosigkeit heut zu Tage, bei den übereilten herrschenden Strömungen, oft noch mehr bedeutet, als der Muth nach oben hin.

Hand in Hand mit dieser Erinnerung an die so nothwendige Furchtlosigkeit gegen Mächte aller Art für den wahren Volkslehrer, geht aber noch die Betrachtung eines Bedenkens, das auch mit der Furcht etwas zu thun hat; – die Furcht nämlich vor den vorgeblichen schädlichen Früchten der sogenannten Halbwisserei, welche Früchte von offenen und heimlichen Feinden der Volksaufklärung so oft als Hauptgrund gegen die Betheiligung der Massen an den Universitäts-Wissenschaften vorgeschoben werden. Beförderung eines geradezu als schädlich erklärten Dilettantismus, Verflachung und Herabsetzung der Wissenschaft, Erzeugung von lächerlichem Dünkel in der Menge über den Besitz verwirrter und daher nutzloser Begriffe, Kurpfuscherei, Winkelschreiberei, Afterästhetik und Knittel-Poesie, u.s.w. u.s.w., sollen die verschiedenen, verrufenen Bastardkinder jener verdünnten Wissenschafts-Tränke sein, welche in den populären Vorlesungen gereicht werden, – und darum sollen letztere unterbleiben; wenigstens sollen ernste Universitätslehrer Nichts damit zu thun haben.

Allen diesen Behauptungen, allen diesen vorgeblich sicheren Taufscheinen gefährlicher Erscheinungen rufe ich ein ganz entschiedenes „falsch“ entgegen. Die von oberflächlichen Denkern oder Tartüffen der Wissenschaft und der Staatsverwaltung vorgespiegelten Gefahren der Halbwisserei sind, so erkläre ich entschieden, blosse Scheingefahren. Es ist weit besser, das Volk ist ein Halbwisser als ein Garnichtswisser; es ist weit besser, das Volk läuft, und wäre es selbst nur aus Eitelkeit, in populäre Vorlesungen, als es läuft gar nicht hinein, sondern in die Wirthshäuser und Theater; es ist weit besser, das Volk empfängt wenigstens eine Ahnung des reichen, in der Wissenschaft aufgespeicherten Schatzes, und bekommt so Respekt vor der Wissenschaft, ihrer Bedeutung und ihren Resultaten, als es geht theilnahms- und achtungslos vor ihr vorüber, weil es nie in die sogenannten „geweihten Pforten“ der Wissenschafts-Tempel eingelassen wurde.

Falsch sind Eure Bedenken, falsch sind Eure moralischen aus diesen Bedenken gezogenen Konsequenzen, grundlos und verwerflich Euer aus beiden gezogener Widerstand gegen die Volksbildung, weil – diese nur eine Halb-, eine Viertel-, eine Zehntel-Bildung sein kann. Gut; vor der Hand eine Viertel-, später eine Halb-, und endlich eine ganze, volle, wohlgemerkt, Volks- nicht Gelehrten-Bildung!

[S. 23] Und Euer eigenes Wissen? Ist es etwa mehr als Halbwissen? Das Halbwissen auf Erden zu verbannen, ist eine pure Unmöglichkeit. Alles, was wir wissen, ist eigentlich bloss Halbwissen! etwas mehr, etwas weniger, Gradunterschiede des Halbwissens. Ihr wollt die Halbwisser nicht! dann könnt ihr die Hälfte der Universitätsprofessoren absetzen und die andere Hälfte für demnächst absetzbar erklären.

Wenn Eine Wissenschaft die volle Demuth des Bewusstseins in sich trägt, sie sei vorläufig nur Halbwissen, ist es die reellste aller Wissenschaften, die berechtigste unter allen, weil begründetste von allen: ist es die Naturwissenschaft. Und, wenn sie ihr Halbwissen eingesteht, dürft, ja müsst ihr Anderen Propheten jener konventionellen Wissenschaften, Geschichte, Philologie, Philosophie etc., es noch weit mehr!

Also weg mit der prüden Larve Eurer Unfehlbarkeit und Gründlichkeit; seht nur auf Euere zahllosen Streitschriften über jede Kleinigkeit Eueres Gelehrtenthums und werdet schamroth vor diesen beschämenden Zeugnissen Euerer mehr als zu Tage liegenden Halbwisserei!!

Darum zürnt also dem Webermeister nicht, der am Sonntage in meine Vorlesungen einen Magen anschauen geht, um seinen Kollegen mit Triumph erzählen zu können, er wisse nun auch, – nicht blos sein Doktor wisse es, – wie ein menschlicher Magen aussieht, er wisse sogar, wie zusammengesetzt ein Kameelmagen und warum er es ist; er habe sich ein Gehirn betrachtet und ins Mikroskop geguckt; gönnt ihm die Eitelkeit seines Quentchen Wissens, weil diese jedesfalls die verzeihlichste, die rühmenswertheste, die nützlichste aller Eitelkeiten des Herrn Webermeisters ist.

Unterschätzt aber zugleich nicht das gehobene sittliche Gefühl, die gestärkte moralische Kraft, die gesteigerte persönliche Würde, die aus dem Bewusstsein seines Wissens für diesen Weber quellen!

Soll ich hier bei der Halbwisserei nicht besonders der Frauen gedenken, denen sehr viele Feinde der populären Vorlesungen, z. B. Hr. Nebenius, ganz besonders Eitelkeit als Grund ihres beispiellosen Fleisses in den Vorlesungen in die Schuhe schieben? Ja, – ich muss der Frauen besonders gedenken, denn ihnen besonders kann ich, nach meinen Erfahrungen in Wien, als Vertheidiger zur Seite treten, und sie gegen jene entehrende Anklage in Schutz nehmen. Ich sehe seit Jahren, mit der freudigsten Rührung, welche wirkliche und ausdauernde Wissenslust die Frauen meinem Fache entgegen tragen, wie viel Vorurtheile sie seinetwillen bekämpft, und wie so Manches sie aus ihr für ihre Stellung als Frauen und Mütter gelernt haben. Die Frauen selbst haben es mir gesagt – und ich glaube es ihnen, – es sei ihnen eine neue Welt durch die anatomische [S. 24] Belehrung aufgegangen; und ist diese neue Welt auch vorläufig ein Schemen, wie es Amerika dem Columbus war, bevor er es mit Händen griff, so ist dieser Schemen der Wissenschaft doch jedesfalls mehr werth, als die vielen anderen Schemen der Frauen, welche sie nicht aus der Anatomie, sondern aus Romanen holen.

Also nochmals, – die wie ich glaube blöde Furcht vor Verbreitung der Halbwisserei braucht die Universität nicht abzuschrecken, die Volksbildung wesentlich in die Hand zu nehmen. Denn die von ihr aus verbreitete, wenn nur mit Verständniss verbreitete Halbwisserei wird jedenfalls das Volk besser als die Unwissenheit in Stand setzen, sich klare Begriffe über das zu verschaffen, was ich als letzten Gegenstand meines heutigen Vortrages gewählt, über: die Bedeutung des wahren Priesterthums und dessen Stellung zur Naturwissenschaft und durch sie zur Volksbildung. – Zu dieser Betrachtung gehe ich nun über.

 

V.

Die Bedeutung des wahren Priesterthums,“ g. H. u. F., die ich nun, – jedesfalls wegen der sehr vorgerückten Zeit, höchstens nur in Lapidarzügen, – Ihnen schildern soll, ist wohl das heikelste Thema, das überhaupt einem Katheder beschieden sein kann; noch heikler und schwieriger aber, wenn ein Naturforscher dies thun soll. Denn man hält ihn im Voraus für einen Parteimann, – für Partei gegen seinen Gegenstand. Dass dem nicht so sein muss, erkläre ich für meine Haupt-Aufgabe, hier zu zeigen; denn meiner Ansicht nach, sind Naturwissenschaft und wahres Priesterthum keine Gegner, wenn beide thun, was sie sollen und was sie wirklich können! Nur aus der Anmassung, mehr leisten zu wollen, als nach menschlichem Können möglich, liegt für beide die Gefahr der Ueberhebung, der Tirannei und hierdurch der bittersten Feindschaft unter einander.

Was Priesterthum und Naturwissenschaft, die sich nicht überheben, thun, will ich daher nun kurz schildern.

Wie wahre Priester unter den Menschen werden können und immer geworden sind, ist aber nicht schwer zu zeigen, wenn man sich daran erinnert, wie die wahren Naturforscher geworden sind. Kehren wir also unsere Aufgabe einen Augenblick um: untersuchen wir, was die Naturwissenschaft thut, sehen wir dann nach, inwieweit dieses mit dem, was das Priesterthum seiner eigentlichen Bestimmung nach thun soll, Verwandtschaft hat, und bringen wir schliesslich so [S. 25] in’s Reine, ob sich beider Geschäfte ausschliessen, bekriegen oder – auf Ein verwandtes Ziel lossteuern.

Alles dies, wie gesagt, leider nur in kaum angedeuteten Sätzen. Denn wenn ich statt von einem Katheder, von einer Kanzel zu Ihnen spräche, und wenn ich statt Einer, wenn auch nun, zu Ihrem Bedauern wahrscheinlich, schon fast doppelt gewordenen Stunde, Winter und Sommer zu Ihnen späche, erschöpfte ich dieses ebenso weitläufige, als in alle Lebensinteressen tief eingreifende Thema kaum.

Es sei daher versucht, mit wenig Worten Sie mitten in den Gegenstand hinein zu führen; vielleicht ist es mir noch im heurigen Cyklus, etwa am Schlusse desselben, vergönnt, noch einmal und etwas eingehender auf diesen Gegenstand „Priesterthum und Naturwissenschaft“ zurückkommen zu können.

Die Naturwissenschaft thut nichts Anderes, als die Dinge, die rings um uns sind, betrachten, und soweit als eben möglich, auf ihre Endursachen zurückzuführen. Alle existirenden Formen und Erscheinungen werden unter einander verglichen; es werden die einfachsten unter ihnen aufgesucht, um die zusammengesetzteren daraus abzuleiten; es wird endlich versucht, ob nicht durch menschliche, d. i. uns Menschen zu Gebote stehende Mittel, Dinge und Erscheinungen, theils wie wir sie sehen, theils wie wir sie erschliessen, auch hervorgebracht werden können; Alles dies wird schliesslich und endlich zum Dienste und zur Wohlfahrt der menschlichen Genossenschaft verwendet.

Wozu führt nun dieses Thema? Zunächst dazu, abgesehen von dem eben angedeuteten Nutzen für unser irdisches Leben, dass, wie Frohschammer richtig bemerkt, sich unwiderleglich ergibt, wie manche Begriffe und angebliche Fakta, die uns als sogenannte religiöse Wahrheiten noch heut zu Tage anerzogen werden, nicht Bestand halten, vor der Kritik der menschlichen Augen und des diese beherrschenden menschlichen Verstandes. Was ist die Folge hiervon? Die Einsicht, dass die sogenannten Ueberlieferungen in allen jenen Theilen unrichtig sein müssen, welche unseren handgreiflichen Erfahrungen so augenscheinlich widersprechen. Mit jenen Ueberlieferungen fallen die daran geknüpften Konsequenzen; und so fällt ein wesentliches Stück der sogenannten traditionellen Glaubenslehren. Fällt hierdurch aber auch nur Ein Atom der wahren Grundlage jenes idealen Bedürfnisses, Religion genannt, das in aller nur etwas gebildeten Menschen Brust, wenigstens manchmal im Leben, erwacht? Fällt durch die Unwahrheit gewisser vorgeblichen Thatsachen auch nur Ein Strahl jener unschilderbaren Herrlichkeit von Liebe, Vorsorge, Weisheit, Grösse, Gedankentiefe, welche den Schöpfer jener Dinge kennzeichnen, durch deren Studium wir eben zur [S. 26] Einsicht in die wahren Absichten und Werke unseres Schöpfers kommen, welche Einsicht aber natürlich oft in vollem Widerspruche stehet mit jenen Aussagen über diese Absichten und Werke, welche nicht auf Grundlage solcher Studien einstens abgegeben wurden.

Nicht ein Atom wahrhafter und ernster Gottesverehrung geht durch die wissenschaftlichste und rigoröseste Naturforschung verloren!

Die Naturforschung sollte die Religion untergraben, deren Mutter sie ist? Sollte die Mutter ihr Kind tödten? Oder kann irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass alle Religion nur eine Tochter der Naturforschung, diese im weitesten Sinn des Wortes genommen, ist? Die oberflächlichste Ueberlegung, wie Religion einst wurde, führt zu dieser Wahrheit.

Es hat einstens Menschen gegeben, welche von der grossartigen Fülle und Schönheit der sie umgebenden Natur begeistert, sich dem bezaubernden Eindruck dieses Anblickes hingebend, träumend, sinnend, woher dies Alles kommen möge, in’s schwellende Gras legten, um den darüber gespannten blauen Himmel anzustaunen, und die Ahnung der unbekannten Ursache Alles dieses, das sogenannte Gottesgefühl, wie himmlischen Balsam in ihr trunkenes Herz einströmen zu lassen. Dies waren die ersten Naturforscher, die ersten Poëten, – die ersten Priester, d. i. Gottesfühler. Und darum bilden sie auch heute noch eine so innig verwandte Trias: die wahren Naturforscher, die wahren Poëten und die wahren Priester.

Jene ersten Naturforscher, Poëten und Priester in Einer Person wurden aber von ihrem herrlichen Geschäfte, von ihren einladenden Betrachtungen nach und nach so hingerissen, dass sie zunächst nichts Anderes zu thun vermochten, als sich dieser glühenden Naturbewunderung und dem daran sich knüpfenden Gedankenkreise ganz hinzugeben, und ihr Leben nur mit ihnen zuzubringen. Zu Folge der dem Menschen angebornen Natur vermochten sie aber nicht lange ihren Enthusiasmus für sich zu behalten; sie gingen hin, Andere auf die ihnen so theuer und wichtig gewordenen Gefühle und die Ursache derselben aufmerksam zu machen: so entstanden die ersten lehrenden Naturforscher und die ersten wirkenden Priester, noch immer Beides in Einer Person.

Und dass sie es so waren, wunderte damals Niemanden. Die von der Natur selbst zum Priester geweihten Brüder wurden als die berechtigten Dolmetscher dieser Natur und ihrer Gesetze, – wahre Religion, – gern anerkannt. Gerne wurde ihrer Rede gelauscht, die von der zweckmässigen Einrichtung der Dinge um uns verkündete, welche die gleiche kluge wie liebreiche Leitung der Maschine, Welt genannt, als Ausströmung einer nicht erkennbaren Ursache, Gott, darlegte, welche von [S. 27] den Gefühlen und Gedanken sprach, erweckt durch jene Erkenntnisse, von den Pflichten der Menschen unter einander, die sich aus jener Erkenntnis ergab, – von der natürlichen Moral.

So hatte die Naturforschung der alten Zeit – wahrer bloss Naturanstaunung zu nennen, denn von Forschung war eigentlich wenig die Rede, – zur Religion, d. i. zum Ausdruck der durch die Naturbetrachtung erregten Gefühle und Gedanken geführt; so hatte sich ein eigener Stand, der Priesterstand, gebildet, dessen Aufgabe darin bestand, das, was nicht alle Menschen thun konnten, für sie und mit ihnen zu thun, nämlich ihre idealen Bedürfnisse zu befriedigen.

Und diese Aufgabe hat meines Erachtens das wahre Priesterthum, – ein anderes verdient ohnehin den Namen nicht, – noch heute und nur diese allein, und wird sie haben, so lange es Menschen auf Erden geben wird. Das Priesterthum ist, nach der Ueberzeugung aller Unbefangenen, ein Stand, der durch sein ganzes Leben kein anderes Geschäft hat, als: die im täglichen Geschäfte untergehenden Menschen, – die Mehrzahl gehört dazu, – von Zeit zu Zeit an die idealen Forderungen des Gemüths zu erinnern; jene Forderungen mit denen des Verstandes, die den ersten oft entgegengesetzt scheinen, auszugleichen, die Gegensätze beider zu vermitteln suchen, und immer und immer auf das oberste und natürlichste Moralgesetz, jenes der Gegenseitigkeit, hinzuweisen. Thut das Priesterthum das, was hier gesagt, dann ist es nicht nur ein berechtigter, dann ist es einer der nothwendigsten Stände des Menschenthums, dann ist es einer seiner erhabensten, ja vielleicht der idealste von allen. Denn er vertritt wahrhaft die Ideen ohne greifbare Objekte, während der Naturforscher durch das Bleigewicht der Thatsachen nur zu sehr stets an seinen irdischen Standpunkt erinnert wird.

Es fühlten aber und fühlen auch die Menschen aller Orten und aller Gedankenkreise die Nothwendigkeit dieses Standes. Denn, kaum haben die verwildertsten Jäger der Urwälder ihre Blockhütten, wenn auch in geringster Zahl, aufgerichtet, kaum ist die kleinste menschliche Gemeinschaft irgendwo zu Stande gekommen, so holen sie schon Einen, der ihnen vom Worte Gottes – vom wahren Worte Gottes – von seiner Natur, seiner Moral, und seinem Walten sprechen, und sie so erheben soll.

Sich in dieser Beziehung selbst zu genügen, ist nur wenigen Menschen auf Erden beschieden; solche sind eben selbst, nebst ihrem sonstigen Stande, auch noch Priester: Selbstpriester, welcher Ausdruck nach dem von mir früher über die Priester-Entstehung Gesagten, Ihnen wohl ganz einsichtlich ist. Die meisten Menschen aber bedürfen eines anderen Menschen, der die Brücke schlägt, zwischen ihrem, dem gemeinen Alltagstreiben zugewendeten Sinne und dem auch in ihrer Brust lebenden, wenn auch oft nur selten erwachenden, [S. 28] fast instinktiven Drange nach dem, dem Gehirne der Menschen angeborenen idealen Bedürfnisse, sei dieses nun gross oder klein: die meisten Menschen bedürfen der Priester, – kein einsichtiger Staatsmann kann und darf es verkennen, – freilich nur solcher, wie sie sein sollen und wie sie sich wesentlich nur durch die Kenntnisnahme der Natur – ihrer Erscheinungen und Ursachen – hervorbilden können. Ein Priester, der nur die Traditionen kennt, und seine Lehren auf jene zum Theil völlig unhaltbaren Thatsachen aufbaut, kann heut zu Tage nicht mehr erfolgreich wirken, weil eben eine Menge seiner Grundlagen bereits als irrig bekannt sind, die Menschen also bei dem besten, Willen, ihnen nicht vertrauen können.

Wenn aber die Priester sich in den Naturwissenschaften ausbilden, die Grund-Wahrheiten derselben in sich voll und ganz aufnehmen, und sich so zugleich überzeugen werden, dass in den Gesetzen der Natur die wahrste Moral, die dringlichste Einladung zur Gottesliebe und Gottesfurcht, die überzeugendste Mahnung zu der so nothwendigen Anschauung von der völligen Ungleichheit der geschaffenen Wesen liegt, endlich dass in ihnen nicht Ein Anlass zur Vernachlässigung der wirklichen Sittengesetze enthalten ist, wenn die Priester dies gethan haben werden, dann, aber erst dann, wird der Kampf, der gerade in jüngster Zeit zwischen Naturforschung und Priesterthum, – als den Repräsentanten der Forschung und der Tradition, – auf das Heisseste entbrannt ist, mit Einem Schlage beendet sein.

Dann wird aber auch kein Zweifel darüber mehr bestehen können, dass: die Bildung des Volkes durch Naturwissenschaften eine eben so soziell unentbehrliche, wie moralisch nothwendige ist, denn sonst entbehrten die Priester eben der wesentlichen Vorbedingung, um wahrhaft ideale Lehren in die Herzen der Menschen pflanzen können; dann wird kein Zweifel bestehen, dass das wahre Priesterthum eine Nothwendigkeit für viele Menschen ist; keiner, dass das wahre Priesterthum ohne Kenntnis der Natur eine reine Unmöglichkeit ist; keiner also, dass Priesterthum und Naturwissenschaft sich nicht ausschliessende, sondern dass sie sich nothwendig erzeugende Stände sind, nämlich: das Priesterthum als der ideale Ausdruck der Früchte der Naturwissenschaft, nothwendig für diese; die Naturwissenschaft andererseits, als die unentbehrliche materielle Grundlage des Gedankengangs des Priesterthums, nothwendig für dieses.

Und wenn solche Einsicht in alle Kreise der Staatsbürger gedrungen sein wird, – sie in Ihre, m. g. H. u. F., zu verpflanzen, erachte ich für die Hauptaufgabe der Universität, – dann wird wohl Jedermann gern zugeben, dass die von mir [S. 29] heute gewählten Betrachtungs-Gegenstände: Universität und Volksbildung, Priesterthum und Naturwissenschaft wirklich zwei wesentlich zusammenhängende Betrachtungen sind, – was ich beweisen wollte.

Ich gebe mich schliesslich der Hoffnung hin, und glaube, mit einigem Rechte, vermöge des Beifalles, mit dem Sie, g. H. u. F., viele meiner Aeusserungen begleiteten, dass Sie diese meine Anschauung schon jetzt theilen, dass Sie weiter nach Kräften dazu beitragen werden, die hier vor Ihnen ausgesprochenen Gedanken unter Ihre Freunde zu verpflanzen, und dass endlich aus den kleinen Kreisen, die solche Gesinnungen theilen, so grosse werden, dass wirklich in Erfüllung gehen wird, was die Universität als letztes Ziel anstreben soll: die Einigung aller Menschen durch echt menschliche Bildung.

Indem ich Ihnen nun, g. H. u. F., nochmals bestens für die Aufmerksamkeit danke, mit der Sie meiner, Viele vielleicht ermüdenden, Anderen vielleicht überflüssig erscheinenden Betrachtung nun durch fast zwei Stunden gefolgt sind, will ich nun nur noch in wenig Worten den Gang andeuten, nach welchem ich das für den heurigen Cyklus der Sonntagsvorlesungen gewählte anatomische Thema behandeln werde, welches Thema ist: das Herz, dessen Ab- und Zuleitungsröhren, und was beide sollen und können, bei Mensch und Thieren.

 

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